Wieder beten lernen!

2017 ist für die Schweiz ein Gedenkjahr: Wir feiern den 600. Geburtstag von Nikolaus von Flüe. Nebst seinem Wirken als Friedensstifter war Bruder Klaus auch ein grosser Beter. Sein Vorbild wirkt bis in unsere Zeit nach.

Das Gebet hat in heutiger Zeit viel von seinem einst hohen Stellenwert eingebüsst. Gott wurde von breiten Kreisen der Gesellschaft schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts verabschiedet. Zudem macht sich mit der schleichenden Säkularisierung selbst in den Kirchen eine zunehmende Leere breit. Wo Kirche kaum mehr gelebt und nur noch „verwaltet“ wird, ist der Aufbau einer persönlichen Gottesbeziehung schwierig.

Keine Zeit fürs Beten?
Auch gehören Selbstverwirklichung, Ungebundenheit und Bindungslosigkeit zum Selbstverständnis des modernen Individuums. Der Ehepartner wurde erst zum Lebenspartner und schliesslich zum Lebensabschnittspartner. Fast alles ist in unserer Konsumgesellschaft käuflich geworden. Entscheidend für den gesellschaftlichen Status sind das neuste iPhone, das trendigste Label-Shirt, die teuerste Ferienreise. Wer ständig twittern und auf WhatsApp oder Instagram kommunizieren muss, dem bleibt für das Gebet – die Kommunikation zwischen dem Menschen und Gott – kaum mehr Zeit. Und das Sozialprestige wird mit „Beten“ ja auch nicht eben erhöht…

Wir selber entscheiden, wovon wir abhängig sind
Aber selbst wenn wir meinen, selbstbestimmt und autonom zu leben, so sind wir trotzdem immer abhängig: vom Zeitgeist, der Mode, vom schönen Schein der Werbung, von der Meinung anderer (political Correctness) oder von irgendeiner esoterischen Weltanschauung.

Wie schon David im Palm 139 gebetet hat, liegt demgegenüber die echte Erfüllung des menschlichen Lebens in der Beziehung zu Gott. Manchmal wird die Gottferne punktuell durchbrochen – etwa wenn Menschen aus einer unmittelbaren Krankheit oder Notsituation heraus zu „beten“ beginnen. Ein solcher, spontaner Hilferuf hat zwar mit einer stetigen und tiefen Gottesbeziehung wenig zu tun, aber er kann der Startpunkt zu einer permanenten persönlichen Umkehr sein. 

Von was wir abhängig sind, ist eine Entscheidung, die wir bewusst treffen können und müssen. Und genau wie heute, stellte sich diese Frage auch schon für Niklaus von Flüe: Er war wohlhabend, hatte eine tolle Ehefrau, viele Kinder, war intelligent, gesellschaftlich aktiv und politisch erfolgreich. Aber dieses erfolgreiche Leben war trotzdem nicht die Erfüllung für ihn. Er geriet in eine Sinnkrise und entschied sich, seinem Leben eine andere Richtung zu geben. In Absprache mit seiner Frau zog er sich aus der Welt zurück, ging in die Einsamkeit, um sich voll und ganz nur noch auf Jesus Christus auszurichten, seinen Schöpfer und Erlöser. 

Wer sonst, wenn nicht Jesus Christus?
So wurde die Beziehung zu Christus für Niklaus von Flüe zur Lebensquelle. Er empfand wohl wie Asaf, dem Verfasser von Psalm 73: „Wen habe ich im Himmel ausser dir? Du bist mir wichtiger als alles andere auf der Erde.“ Was gibt es denn Wichtigeres, als in Beziehung mit Jesus, dem Sohn Gottes, zu leben? Mit jenem Jesus, der sein Leben für jeden von uns am Kreuz geopfert hat, der durch seine Auferstehung für jeden von uns die Macht des Todes überwunden hat, der jedem von uns den göttlichen Geist der Kraft, Weisheit und Hoffnung verleiht – und der jedem von uns ewiges Leben in der himmlischen Herrlichkeit ermöglicht. 

Das Gebet des Bruder Klaus
In seinem Vorbild als Mystiker und Beter hat uns Bruder Klaus ein kurzes Gebet hinterlassen, das bis heute nichts von seiner Prägnanz verloren hat: 

  • Mein Herr und mein Gott, 
    nimm alles von mir, 
    was mich hindert zu dir.
  • Mein Herr und mein Gott, 
    gib alles mir, 
    was mich fördert zu dir.
  • Mein Herr und mein Gott, 
    nimm mich mir 
    und gib mich ganz zu eigen dir.

In seiner Hingebungstiefe ist dieses einfache Gebet uns allen ein Vorbild. Es bringt genau jene Elemente auf den Punkt, die unser geistliches Leben prägen sollten. Die Anrufung unseres Herrn und Gottes:

  • Zuerst die Beseitigung jeder Versuchung, jeder Sünde, jeder Ablenkung in der Ausrichtung auf unseren Herrn und Erlöser: Wenn Jesus Christus das Wesentlichste in unserem Leben sein soll, dann muss zuerst einmal alles weg, was diese Beziehung stört oder blockiert.
  • Wenn diese Hindernisse beseitigt sind, folgt der nächste Schritt: Die Umgestaltung des Lebens in ein „gottgefälliges“ Leben. „Gib alles mir, was mich fördert zu dir“: Zeiten der Stille für die Begegnung mit Gott; Stärkung des Glaubens; Vertrauen auf die Führung des Heiligen Geistes; ein offenes Herz für die Mitmenschen; Vergebungsbereitschaft und Nächstenliebe; Dienst- und Leidensbereitschaft.
  • Und schliesslich die Krönung: „Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“

Statt Selbstverwirklichung und Bindungslosigkeit die vollständige Hingabe: Wenn ich mein eigenes Ego und seine kurzsichtigen Wünsche und Begehrlichkeiten loslasse, so gewinne ich mein wahres Ich – die Lebenserfüllung in Gott. Durch dieses Loslassen wird unsere tiefste Sehnsucht gestillt und es folgten Ruhe und Gelassenheit gegenüber all den irdischen Dingen, die sonst so wichtig sind. Gott will unser Wohl und weiss am besten, worin es besteht. Er ist derjenige, der sich wirklich von unserem ersten bis zum letzten Atemzug liebevoll und wunderbar um uns kümmert und uns auf dem Weg zur Ewigkeit führt (Psalm 139). 

Was heisst beten?
Gebet im grundlegendsten Sinne ist ganz einfach Kommunikation mit Gott, oder: »Gebet ist ein Dialog zwischen zwei Personen, die einander lieben – Gott und Mensch.« Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat. 

Die Arten des Betens sind denn auch unendlich vielfältig. So gibt es das stille, individuelle oder das gemeinsame Gebet, das öffentliche Gebet, das freie Gebet oder das Gebet nach einem bestimmten Text, das Dankgebet, das Lobgebet, das Fürbittegebet oder das Bittgebet. Eines ist all diesen unterschiedlichen Formen immer gemeinsam: Das christliche Beten ist die persönliche, lebendige Beziehung der Kinder Gottes zu ihrem unendlich guten Vater, zu seinem Sohn Jesus Chrisus und zum Heiligen Geist, der in unserem Herzen wohnt.

Gottfernes Umfeld
Das Gebet in der Öffentlichkeit ist in unserer gottfeindlichen Umgebung schwierig geworden. Das Schulgebet hat im säkulären Staat nichts mehr zu suchen. Die „Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft“ möchte den Gottesbezug aus der Nationalhymne entfernen. Wer im Restaurant erkennbar ein Tischgebet spricht und das Kreuzzeichen macht, riskiert angestarrt zu werden. Schleichend wächst der Druck, auf dem „Altar des Kaisers“ ein Opfer darbringen zu müssen. Organisationen wie „Gebet für die Schweiz“ versuchen Gegensteuer zu geben.

Wir sind zum Gebet berufen!
Wir dürfen uns von der Entwicklung nicht entmutigen lassen! Zuviel steht auf dem Spiel: Die Rettung jedes einzelnen und damit unser geistliches Wohl! In diesem Sinne ein Vorsatz: Lassen wir den wunderbaren Klang des Gebets und Singens nicht nur durch unsere Häuser und unsere Familien tönen, sondern auch durch die Gassen unserer Dörfer und die Strassen unserer Städte. Scheuen wir uns nicht, zur Schweiz als christlicher Willensnation zu stehen, und bringen wir dieses Bekenntnis gerade im Bruder-Klaus Jubiläumsjahr auch durch öffentliches Gebet zum Ausdruck!

Käthi Kaufmann-Eggler

600 Jahre Bruder Klaus

Der Einsiedler und Mystiker Nikolaus von Flüe wurde 1417 im Flüeli (Sachseln) geboren und starb 1487 innahegelegenen Ranft. Aufgewachsen auf einem Hof, heiratete er ca. 1445/46 Dorothea Wyss und die beiden hatten zehn Kinder. Der Zeit gemäss beteiligte sich Nikolaus an militärischen Auszügen, doch schätzte er das Kriegshandwerk nicht. Dagegen war gehörte er ab 1462 zum Kleinen Rat, dem höchsten Führungsgremium des Standes Obwalden. Eine Kandidatur als Landammann lehnte er ab. 

Das Leben als erfolgreicher Bauer, Ehemann, Vater, Richter und Politiker, befriedigte ihn nicht, so dass er um 1465 in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise geriet und alle politischen Ämter niederlegte. Im Oktober 1467 verliess er mit dem Einverständnis seiner Frau die Familie in der Absicht, als Pilger zu wallfahren. Wie vor einer langen Pilgerreise üblich, ordnete er den Nachlass und vertraute Familie, Haus und Hof den beiden ältesten, bereits erwachsenen Söhnen an. Von Visionen geleitet kehrte er bald um und liess sich im nahegelegenen Ranft nieder. Freunde bauten ihm eine Kapelle und eine Klause. 

Niklaus von Flüe strebte nach dem Einswerden mit Gott. Zentral war von nun an die Betrachtung des Leidens Jesu. In seiner einfachen Hütte im Wald widmete er sich dem Gebet und meditierte intensiv über das Leiden Christi. Auf Äusserlichkeiten und Essen legte er keinen Wert und magerte bis auf die Knochen ab. Bald strömte viel Volk zum „lebenden Heiligen“, der so bald zum „Landesvater“ wurde.

Mit den Jahren wurde er europaweit für seine weisen seelsorgerlichen und auch politischen Ratschläge bekannt. Im Dezember 1481 rettete seine Vermittlung beim sog. Stanser Verkommnis die Eidgenossenschaft vor dem Auseinanderbrechen. 

Er wird für diese entscheidende Tat sowohl von reformierter Seite (Zwingli, Bullinger), als auch von Katholiken hoch verehrt. Im April 2017 soll denn auch in einer ökumenischen Feier in Zug gemeinsam des grossen Landesheiligen gedenkt werden. Erstaunlich ist demgegenüber, dass unser Bundesrat keinerlei offizielle Gedenkfeier abhalten möchte.

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