Strassburger Urteil: Sexualkunde als Pflicht

In einem Leiturteil hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den Basler Sexualkundeunterricht gutgeheissen. Der Druck in Richtung Frühsexualisierung an Kindergarten und Primarschule dürfte damit wieder zunehmen. 


2011 lancierte der Kanton Basel-Stadt einen neuen Leitfaden «Lernziel sexuelle Gesundheit» und provozierte damit landesweit Kritik – unter anderem, weil eine «Sex-Box» mit Plüschgenitalien und sehr explizite Videos und Bücher zum «Unterrichtsmaterial» gehörten. Auch von «Jugend und Familie» aus starteten wir eine Protestaktion an Erziehungsdirektor Christoph Eymann (Liberale). Mitte Dezember 2013 wurde mit 110’000 Unterschriften gar die nationale Volksinitiative zum «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» eingereicht.

Juristische Sackgasse

Zwei Familien verlangten für ihre Kinder eine Dispens vom Sexualkundeunterricht, was die zuständige Schulleitung verweigerte. Auch Beschwerden beim Regierungsrat, beim Appellationsgericht und ans Bundesgericht blieben erfolglos. Mutter und Tochter einer betroffenen Familie gelangten darauf an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Strassburg. Dieser hat nun in einem Leiturteil vom 18. Januar den Basler Sexualkundeunterricht geschützt. 

Die Grundrechte der Klägerinnen würden auch mit einem Zwang zur Teilnahme nicht missachtet. Der Unterricht wolle «Kinder vor sexuellen Übergriffen und Missbrauch schützen» und finde nicht systematisch statt, sondern nur wenn die Kinder das Thema einbrächten. Unklar bleibt allerdings, wie zwischen aktiv-systematischem und reaktivem Sexualkundeunterricht unterschieden werden soll. Für Kindergarten und Primarschule werden Lernziele definiert – wozu nun auch die Sexualkunde gehört. Da stellt sich die Frage, wie dieses Lernziel mit reaktivem Unterricht erreicht werden soll. 

Sexualisierung statt Aufklärung

Mit dem Strassburger Entscheid endet vorerst die juristische Debatte um die Sexualkunde auf Primarstufe. Was bleibt, ist allerdings die Frage nach dessen Ausgestaltung. Auch in der Schweiz gibt es starke Kräfte, die aus ideologischen Gründen die Frühsexualisierung von Kindern fördern möchten.

Bereits Ende 2014 reichte Nationalrat Fabio Regazzi (CVP/TI) ein Postulat ein, worin er die staatlich finanzierte Stiftung «Sexuelle Gesundheit Schweiz» (SGS) kritisch hinterfragte. Anlässlich der umstrittenen «Love Life» Aids-Kampagne des Bundesamtes für Gesundheit hatten SGS-„Sexualkundeexperten“ behauptet, es sei entwicklungspsychologisch sinnvoll, Kinder mit stark sexualisierten Bildern zu konfrontieren. Solche Bilder würden starke Emotionen wecken und damit eine Diskussion über den Umgang mit Sexualität auslösen. 

Regazzi wies darauf hin, dass derartige Theorien zur (psycho)sexuellen Entwicklung sehr umstritten seien. Etwa der bekannte Kinderarzt Remo Largo stellte in seinem Buch «Jugendjahre» bereits 2011 infrage, ob die von SGS-Kreisen vertretene These vom «Kind als sexuell aktivem Wesen» wissenschaftlich haltbar sei. Es seien «oftmals selbst ernannte Fachleute», die den kindlichen Umgang mit dem Körper «willkürlich und missbräuchlich sexuell umdeuten». Verwiesen wurde auf das SGS-Comic-Lehrmittel „Hotnights“. Das dort gezeichnete Bild menschlicher Sexualität hilft Jugendlichen kaum, ihre Sexualität auf langfristige Ziele (stabile und beglückende Beziehungen) auszurichten.

WHO: Frühkindliche Masturbation?

Heikel sind auch Frühsexualisierungspläne der UNO-Weltgesundheitsorganisation (WHO). In seiner Antwort auf das Postulat Regazzi verwies der Bundesrat am 11. Februar 2015 auf die WHO: «Das WHO-Regionalbüro Europa und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Deutschland (BZgA) haben im Jahr 2010 ‘Standards für die Sexualaufklärung in Europa’ publiziert. Viele Experten und Organisationen in der Schweiz stützen sich in ihrer Arbeit unter anderem auf die entsprechenden Erkenntnisse aus der Forschung und die darauf basierenden Standards.» Tatsächlich möchten sowohl die Stiftung „Sexuelle Gesundheit Schweiz“, als auch die im Mai 2015 lancierte „Allianz für Sexualaufklärung“ diese WHO-Standards schweizweit möglichst bald einführen.

Ein Blick auf die sog. WHO-Standards zeigt bedenkliche Entgleisungen. Selbst bei Kleinkindern wird ein Sexualisierungsbedarf ausgemacht: „Kinder haben schon im frühen Alter sexuelle Gefühle. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr erkennen sie die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Während dieser Zeit beginnen Kinder, ihren eigenen Körper zu entdecken (frühkindliche Masturbation, Selbststimulation), und möchten vielleicht den Körper ihrer Freunde untersuchen (Doktorspiele). Kinder erfahren ihre Umgebung durch Ausprobieren, und Sexualität unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von anderen Bereichen.“ (S.27)

Hedonistisches Moralverständnis
Kinder hätten ein „Recht auf Information“: Sexuelle Freizügigkeit für alle, Masturbation, Zustimmung zu jeder sexuellen Orientierung… Es ist offensichtlich, auf welcher Weltanschauung die WHO Standards aufbauen. „Tu, was Dir Spass macht, entdecke Dich selber, verschaffe Dir, wozu Du Lust hast… Hauptsache, alle sind einverstanden und ihr verhütet richtig!“ 

Dass solche „Aufklärung“ nicht zielführend ist, liegt auf der Hand. Kinder sind nicht “sexuelle Wesen“, sondern – schlicht und einfach – Kinder! Der Sexualhormon-Spiegel ist bis zum Einsetzen der Pubertät sehr tief und gesunde Kinder distanzieren sich noch stark von sexuellen (Erwachsenen)Themen. Das ist normal und ein wichtiger Schutz. Und insbesondere Teenager sind von ihrer Reife her in der Regel noch nicht fähig, eine selbstbestimmte und selbstverantwortete Sexualität zu leben. 

Sexualisierungsideologien

Wenn Jungen und Mädchen aufgerufen werden, vor Mitschülern über Sexualerfahrungen zu sprechen oder gar «gemeinsam körperliche Erkundungsübungen zu machen», so sind die Grenzen überschritten.

Es muss im Unterricht klar zwischen der Sexualität von Erwachsenen und der Sexualität von Kindern und Jugendlichen unterschieden werden. Wenn Themen behandelt werden, die nicht der Erfahrungswelt von Kindern entsprechen, wirkt dies nicht aufklärend, sondern sexualisierend. Und wer Fragen beantwortet, welche Kinder natürlicherweise gar nicht stellen, zerstört wichtige Schutzfunktionen. 

Sex ist nicht einfach Konsumgut

Elternhaus und Schule haben die gemeinsame Aufgabe, die Lebenstüchtigkeit und Beziehungsfähigkeit von Kindern zu fördern. Das natürliche Schamgefühl ist dabei ein wichtiger Schutz vor sexuellen Übergriffen und signalisiert den Kindern, wann Grenzen verletzt werden. Nicht zuletzt angesichts des Übermasses von sexualisierten Botschaften in den neuen Medien muss ein achtsamer Umgang mit Sexualität vermittelt werden. 

Anstelle sexueller Stimulierung und der Vermittlung von Erwachsenen-Informationen müsste ein kindsgerechter Sexualkundeunterricht primär auf die Gemütsbildung ausgerichtet sein. Der positive Wert von Sexualität ist in den Vordergrund zu stellen. Es gilt den Kindern zu vermitteln, dass Sex nicht einfach ein Konsumgut ist, sondern auf einer achtungsvollen Beziehung zu einem anderen Menschen basiert. Dadurch werden Kinder darin unterstützt, zu (sexuell) gesunden und liebesfähigen Menschen heranzuwachsen. Sexspielzeug und sexuelle Animation gehören nicht dazu.

Was passiert mit den WHO-Standards?

So mutet es seltsam an, dass sich – gemäss WHO-Standards – vierjährige Kinder mit «frühkindlicher Masturbation» auseinandersetzen sollen oder dass «Vergnügen und Lust, den eigenen Körper zu berühren» in der Schule zu thematisieren sei. Statt mit Gesundheit hat das eher mit der Perversität einzelner UNO-Funktionäre zu tun.

Wichtig ist, was mit den WHO-Standards nun in der Schweiz passiert. Nach dem Strassburger Urteil und dem damit verbundenen Zwang zur obligatorischen Sexualkunde dürfte der Druck wachsen, die WHO-Standards flächendeckend rasch in den Unterricht einzubauen. Nationalrätin Verena Herzog (SVP/TG) hat hierzu in der Dezembersession bereits eine Anfrage an den Bundesrat eingereicht. 

Pragmatisch angehen

An der Basis, wo der Sexualkundeunterricht tatsächlich stattfindet, können Mütter und Väter nach wie vor positiv einwirken. Die Umsetzung der Sexualpädagogik hängt in der Praxis stark von Schulleitungen und ausführenden Lehrpersonen ab. Und – Gott sei Dank – sind viele Lehrpersonen vernünftig denkende Menschen, denen es am Herzen liegt, dass ihre Schüler zu gesunden und beziehungsfähigen Menschen heranwachsen. Sie haben durchaus Verständnis für begründete Anliegen von Eltern betreffend die schulische Sexualaufklärung. 

Celsa Brunner

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