Zweifelhafte Drogenpolitik

Bereits seit 1994 läuft die staatliche Heroinabgabe. Die Programme haben das Drogenelend in den privaten Raum verdrängt. Um der aufkommenden Kokain-Szene Herr zu werden, wird jetzt auch eine staatliche Kokain-Abgabe diskutiert.

Die sog. «kontrollierte Heroinabgabe» wurde 1993 als Reaktion auf die offene Drogenszene am Platzspitz in Zürich in Pilotprojekten eingeführt. Obwohl Heroin in Versuchsreihen bereits seit 1994 abgegeben wird, erfolgte die Verankerung im Betäubungsmittelgesetz (BetmG, Art. 3e) erst im Juli 2010. Sie gilt heute als Routinebehandlung für schwerstabhängige Heroinsüchtige. Treibende Kraft war Bundesrätin Ruth Dreifuss (SP) zusammen mit dem Zürcher Arzt und Projektleiter André Seidenberg.

Die Heroinabgabe erfolgt seither in speziellen Kliniken und Zentren. Der Wirkstoff Diacetylmorphin wird unter ärztlicher Aufsicht intravenös gespritzt oder eingenommen. Voraussetzung zur Teilnahme ist eine lange Opioidabhängigkeit und das Scheitern anderer Therapien (wie Methadon-Substitution). Etwa 1’750 Personen erhalten auch noch heute Diacetylmorphin, während 18’000 Süchtige in Methadon-Ersatzprogrammen sind.

Das Heroin-Konzept war ein Paradigmenwechsel zur Schadensminderung und sozialen Stabilisierung. Es sollte Süchtige aus dem Drogenhandel und dem Leben auf der Strasse holen. Zudem sollte die Beschaffungskriminalität gesenkt und Prostitution verringert werden. Auch HIV unter Heroinabhängigen (Spritzentausch) machte eine medizinische Betreuung nötig. Umstritten war vor allem der neue Ansatz: Die Drogenabgabe durch den Staat.

Nach Heroin jetzt Koks?

Seit kurzem wird auch eine staatliche Kokainabgabe diskutiert. In Genf schlugen die Behörden vor gut fünf Jahren Alarm. Crack und Freebase (gerauchtes Kokain) waren plötzlich überall. Dabei ist Crack ein Albtraum: Sein High ist extrem, die Wirkung heftig – aber auch extrem schnell wieder vorbei. Schon nach Minuten brauchen Süchtige den nächsten Kick.

Crack macht aggressiv, putscht auf, enthemmt. Kriminelle Kartelle vermarkten die Droge in immer handlicheren, leichter konsumierbaren Formen, wie etwa die sog. «Crack-Steinchen». In diversen Städten – Genf, Lausanne, Chur, Zürich – haben sich offene Crack-Szenen gebildet (in Zürich die Bäckeranlage).

Das Unispital Genf will deshalb beginnen, in einem speziellen Raum Kokain gratis in Gasform abzugeben. Es fehlt noch die Zustimmung der Kantonsregierung, aber viele Ärzte, Psychiater und Polizisten unterstützen den Vorstoss. Einer der wenigen, die gegen die Crackabgabe sind, ist jedoch ausgerechnet André Seidenberg – einst Initiant der Zürcher Heroinabgabe. Er meint, die staatliche Drogenabgabe lasse sich nur bei einem individuellen medizinischen Nutzen rechtfertigen, was bei Kokain nicht der Fall sei.

«Elend verwalten»


Der Grund: Die Droge verlangt viel schneller ein neues High und ist damit nicht so leicht zu kontrollieren, wie das langsam wirkende Heroin. Zudem fehlen Ersatzprodukte, wie es für Heroin Methadon, Morphium oder Diaphin gibt. Der wichtigste Unterschied zu damals ist aus Sicht des Pioniers ist aber: «Die Versuche werden nicht mehr medizinisch begründet, sondern gesellschaftspolitisch.» Seidenbergs Verdacht: Es gehe nicht um das individuelle Wohlergehen – sondern dass Abhängige ihre Sucht weniger störend ausleben.

Das «Elend verwalten statt bekämpfen» ist eine alte Kritik, die vor dreissig Jahren auch an Drogenärzte wie Seidenberg selbst gerichtet war. Er wies dies damals vehement zurück. Diesmal aber denkt er, die Skepsis sei berechtigt. Dass der Staat schädliche Substanzen in ungeprüfter Form abgebe, um Süchtige sozialverträglicher zu machen, sei «verbrecherisch! Illegal».

Auch Zürich prüft einen Versuch mit legalem Kokain. Zum gegenwärtigen Stand schreibt die Stadt, das Thema sei «nicht nur juristisch, sondern auch medizinisch komplex». Die Ironie: Erste Versuche mit legalem Kokain gab es in Zürich schon in den 1990ern – unter Beteiligung von André Seidenberg. Damals wurde die Droge als Zigaretten abgegeben. Wegen gesundheitlicher Nebenwirkungen musste dies abgebrochen werden.

Marihuana-Versuche

Parallel zur Heroindebatte laufen in Basel, Biel, Bern, Lausanne, Genf, Luzern und Zürich Pilotprojekte einer Cannabis-Abgabe. Die Initiative hierfür ging vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) aus und wurde in einem neuen Artikel 8a des Betäubungsmittelgesetzes vom 15. Mai 2021 verankert. Sie soll den Weg zur Legalisierung von Cannabis «zu Genusszwecken» ebnen.

Etwa in Zürich wird Cannabis (Marihuana) im Programm «Züri Can – Cannabis mit Verantwortung» in Apotheken, Clubs oder im Drogeninformationszentrum abgegeben. Rund 3’100 Versuchspersonen nehmen teil. Bisher wurden rund 1’000 Kilogramm Cannabis im Marktpreis von 10 Mio. Franken verteilt. Das Stadtparlament verlängerte im März die Versuche bis Oktober 2028, und genehmigte hierfür weitere 800’000 Franken. Während das BAG sonst – beim Rauchen oder Alkohol – überall Präventionsarbeit leistet, wird beim Cannabis der Konsum aktiv gefördert. dabei dürfte noch eine gute Portion 68er-Nostalgie mitschwingen.

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