Wachsende Zweifel an der Volksschule

«Kinder sind eine Gabe des Herrn», heisst es in Psalm 127,3. Sie sind eine Leihgabe, die uns zur sorgsamen Hege und Pflege anvertraut wurden. Dabei spielt die Vermittlung tragender, christlicher Werte eine wesentliche Rolle.

Letztes Jahr feierte die obligatorische Schule ihren 150. Geburtstag. 1874 wurde die allgemeine Schulpflicht in der Bundesverfassung (BV) verankert. Ein erster Anlauf war 1872 gescheitert. Artikel 27 der Verfassung von 1874 bestimmte dann : 

«Die Kantone sorgen für genügenden Primarunterricht, welcher ausschliesslich unter staatlicher Leitung stehen soll. Derselbe ist obligatorisch und in den öffentlichen Schulen unentgeltlich. Die öffentlichen Schulen sollen von den Angehörigen aller Bekenntnisse ohne Beeinträchtigung ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit besucht werden können.» Letzteres bedeutete vor allem, dass Kinder nicht zum Religionsunterricht gezwungen werden durften.

Schule und Staat

Nach den privaten Schulen pietistischer Gemeinschaften und den katholischen Konfessionsschulen des 17. Jahrhunderts wurde die Schule in der Schweiz damit zur staatlichen Angelegenheit oder – genauer gesagt – des radikalen Liberalismus. Nach dem Kulturkampf von 1870 wollten Radikalliberale die Bildung zur Staatssache machen. Dieser Ansatz war naürlich ideologisch: Die öffentliche Schule war eine Folge der Aufklärung und Ziel war, die Menschen zu «mündigen Bürgern» zu erziehen, die nicht länger vom «Aberglauben der Kirchen» gegängelt wurden. Etwa in Frankreich setzte sich ein zentralistisch-doktrinäres System durch, das im ganzen Land ein laizistisch-religionsfeindliches Denken propagierte.

Auch der vielgerühmte Hans Heinrich Pestalozzi stand in dieser aufklärerischen Tradition, weshalb der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 1956 die «Pestalozzi-Medaille für treue Dienste» stiftete. Sie wurde an Lehrer verliehen, die sich besonders eifrig um die «Erziehung im Dienste des Sozialismus» verdient machten.

Kantonale Hoheit

Demgegenüber war das Bildungswesen unseres Landes stets kantonal geregelt und trug dem Föderalismus Rechnung. Noch bis in die 1970er Jahre lief der Unterricht in manchen Kantonen in konfessionell getrennten Schulhäusern. Trotzdem wirkte die Schule – wie die Wehrpflicht – als Integrationsfaktor in der viersprachigen, vielkulturellen Schweiz. Der Lehrer war – wie der Gemeindepräsident oder der Pfarrer – eine Autoritätsperson.

Heute hat sich dies massiv verschlimmert. Zwar gilt noch immer das Wort «Jede Schulklasse ist so gut, wie ihr Leher», aber das öffentliche Bildungswesen kommt mit der Multikulti-Gesellschaft kaum zurecht. Die Folge sind immer schlechtere Leistungen der Kinder bei immer höheren Kosten. Während Bildungsfunktionäre eine Schulreform nach der anderen veranstalten, wird die Integrationsfunktion der Schule zur Utopie. Die unterschiedliche kulturelle und religiöse Herkunft der Schüler hinterlässt zunehmend ausgebrannte Lehrerinnen und Lehrer. Die Ränge werden mit Hilfspersonal gefüllt, während sich zu immensen Kosten Sondersetting an Sondersetting reiht. Ein Heer von Heil- und Sonderpädagogen, Psychologen, Soziologen, Therapeuten, Psychiatern, Coaches und «Experten» steht für «Krisenintervention» und Individualbetreuung all jener bereit, die der «integrativen Klasse» nicht mehr zu folgen vermögen.

Antichristliche Ausrichtung

Wir fragen uns: Wo bleibt da noch Raum für Herzensbildung und religiöse Erziehung? Es liegt auf der Hand, dass kein Weihnachtsspiel mehr aufgeführt und kein Schulgebet mehr abgehalten werden kann, wenn die Hälfte der Klasse mulimischer Herkunft ist oder aus einem bewusst atheistischen Elternhaus stammt. Oft herrscht in den Erziehungsdepartementen und Schulen ein agnostischer Geist, der die christliche Erziehung als «unwissenschaftlich» gezielt unterbinden will. Der einzelnen Lehrerin oder dem Lehrer bleibt damit kaum mehr Raum für eine christliche Unterweisung.

Im Gegenteil: Die öffentliche Schule vermittelt unseren Kindern oft ein Menschenbild, das den ethisch-religiösen Werten des Elternhauses diametral widerspricht. Der Unterricht zu moralischen Fragen – von der Sexualerziehung über das queere «Coming out» bis hin zu «Gendertagen» – wird von der Schulleitung ganz einfach für obligatorisch erklärt. Verbrämt wird das Ganze durch Schlagworte wie «Diversität und Inklusion». Und die praktische Information über Abtreibung gehört zur «schulischen Gesundheitserziehung».

Nicht aufgeben!

Als erwachsene, bekennende Christen sind wir dankbar, dass wir schon als Kinder im Wort Gottes unterrichtet wurden und lernten, was gut und was böse ist, und welchen Weg wir gehen sollten. Tatsächlich empfiehlt uns die Bibel, die Kinder von fruh auf im Glauben zu unterweisen: «Erziehe dein Kind schon in jungen Jahren – es wird die Erziehung nicht vergessen, wenn es älter wird.» (Sprüche, Kapitel 22, Vers 6)

Idealerweise beginnt die christliche Wertvermittlung deshalb in der natürlichen Familie von Vater, Mutter und Kindern. Die Familie ist der Ort, wo Kinder geboren und sozialisiert werden und wo sie zu verantwortungsvollen Bürgern heranwachsen. Kindergarten und Schule können dabei eine ergänzende Rolle spielen. Vermittelt werden müsste dort aber das Weltbild des Elternhauses und nicht jenes des agnostischen Staates. Es ist die Aufgabe der Eltern, negative Einflüsse der öffentlichen Schule zu unterbinden und zu korrigieren.

Mögliche Auswege

Dies ist nicht immer einfach. Alternativen sind notfalls christliche Privatschulen oder das Homeschooling. Gerade Homeschooling hat während Corona-Zeiten grossen Aufschwung erfahren. Allerdings sind die Bedingungen kantonal sehr unterschiedlich. Bei den christlichen Privatschulen ist das Problem, dass die Eltern damit gleich doppelt bezahlen, nämlich einerseits mit ihren Steuern das öffentliche Schulsystem, andererseits die von ihren Kindern tatsächlich besuchte christliche Schule.

Eine sinnvolle Alternative wären Gutschriften, welche den Eltern die freie Schulwahl ermöglichen. Solche Voucher-Modelle gibt es in Schweden oder in manchen US-Gliedstaaten. Angesichts der enormen ideologischen Beeinflussungsmöglichkeiten durch die öffentliche Schule werden die im Erziehungswesen herrschenden Kreise jedoch kaum Hand zu einem solchen Systemwechsel bieten.                                                                                   

Celsa Brunner

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